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Intersexualität als ‚Third Place‘?

Über Geschlechteridentifikationen und Intersexualität

Für den Kurzfilm ‚Third Place‘ bin ich in die Rolle der 18-jährigen Kim geschlüpft. Als Sportlerin mit überdurchschnittlich guten Leistungen gerät sie in den Verdacht, nicht eindeutig weiblich und folglich nicht startberechtigt zu sein. Kim erfährt soziale Isolation und stürzt in eine Identitätskrise. 


Zum ersten Mal habe ich mich überhaupt intensiv mit dem Thema der Intersexualität auseinandergesetzt, wobei mir auch erst einmal bewusst wurde, wie klar die Geschlechtergrenzen in unserer Gesellschaft gezogen sind. Schließlich gibt es ja auch nur Frauen und Männer, oder? 

 

Das ist zumindest das Bild, das so ziemlich jeder von uns vor Augen hat - ganz unbewusst, aber doch selbstverständlich. Doch was ist mit intersexuellen Menschen? Menschen, die nicht eindeutig einem der beiden Geschlechter zugeordnet werden können?

Anfang 2017 hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschieden, dass von nun an ein drittes Geschlecht im Geburtsregister eingetragen werden darf und die Menschen nicht mehr nur in weiblich und männlich aufgeteilt werden, sondern auch inter oder divers sein können. Dieses Urteil schafft mehr Gerechtigkeit und Aufmerksamkeit für die etwa 100.000 in Deutschland lebenden intersexuellen Menschen, die zuvor amtlich überhaupt nicht existierten. Es gibt um die 60 verschiedenen Ausprägungen von Intersexualität, wobei sich manche dieser Menschen eher männlich, manche weiblich, andere weder als das eine noch das andere fühlen.

 

Auch wenn dieses Urteil nur ein kleiner Anfang ist, so ist es doch ein enorm wichtiges Zeichen. Denn wer sagt, dass intersexuelle Menschen nicht ein genau so glückliches und erfülltes Leben führen können, auch wenn sie weder eindeutig männlich noch weiblich sind? 

Vor allem die Fremdbestimmung könnte damit ein Ende haben oder zumindest eingeschränkt werden. Denn was offensichtlich verschwiegen wird ist, dass intersexuellen Menschen bis heute teilweise bereits im Babyalter mit Hilfe einer Operation und Hormongabe einfach ein Geschlecht zugewiesen wird. Diese Menschen dürfen nicht frei entscheiden und leiden darunter teilweise ihr Leben lang.

Eine Problematik, welche in der Öffentlichkeit bislang nur sehr wenig Aufmerksamkeit erlangt oder gar komplett unter den Teppich gekehrt wird.

 

Doch was hat das für Konsequenzen für die Menschen, die zwischen den Geschlechtern leben?

 

Oft reicht ein ‚Verdacht’.

Bei den Drehvorbereitungen und vor allem beim Dreh selbst habe ich am eigenen Körper gespürt, wie es sich anfühlt, von seinen Mitmenschen ausgegrenzt zu werden, nur weil man in Verdacht steht, nicht den korrekten gesellschaftlichen Anforderungen zu entsprechen. Hierbei kann sich ein Gerücht ganz schnell zu einem Verdacht entwickeln. Es spielt dann keine Rolle mehr, ob es am Ende überhaupt Beweise gibt oder nicht. Weitreichende Konsequenzen für die Betroffenen gibt es auch ohne. Wobei das Wort ‚Verdacht’ eindeutig zu negativ belastet ist, denn intersexuell zu sein, sollte eigentlich kein Tabu oder gar Verbot darstellen.

 

 

Kim entscheidet sich dazu, sich einem Geschlechtstest zu unterziehen und wird bereits vor dessen Auswertung von den Wettkämpfen und vom Training ausgeschlossen. Ein Phänomen, das es so nicht selten im Sport gibt.

Denn der Sport ist womöglich die größte Plattform, auf welcher die Thematik der Intersexualität ausgetragen wird und Menschen, die nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können, von den Wettbewerben ausgeschlossen werden. Mit welchem Recht? Was haben sie verkehrt gemacht? Sie wurden so geboren und fühlen sich genau so als Mensch wie Männer und Frauen. Und doch werden sie von ihrer Leidenschaft, dem Sport, ausgeschlossen. Im Sportbereich betrifft dies fast immer Frauen, die offenbar einen zu hohen Testosteronwert haben. Diese werden dann extrem demütigenden Untersuchungen ausgesetzt, bei welchen sie darum bangen müssen, als Frau klassifiziert werden zu können, da sie sonst von den Wettkämpfen ausgeschlossen werden. Der Testosteronwert ist der einzige Wert, an welchem die zwei Klassen im Sport voneinander abgegrenzt werden: männlich und weiblich. Dass es jedoch auch alleine unter der Klasse der Männer eine extrem große Spannweite dieses Wertes gibt und hier nicht die Männer mit einem geringeren Testosteronwert denen mit einem höheren vorgezogen werden, wird hier nicht hinterfragt. Noch viel weniger werden andere Faktoren wie Trainingsbedingungen oder allgemeine körperliche Voraussetzungen berücksichtigt. Warum wird sich also an diesen einen Wert festgeklammert? 

Fest steht, dass Menschen, egal ob Mann, Frau oder intersexuell, mit Respekt zu behandeln sind. Ich habe mich in der Rolle als Kim während des Drehs oft ausgegrenzt und nicht gleichwertig behandelt gefühlt. Wobei in diesem speziellen Fall ein kleiner Verdacht ausreichte, eine junge Frau in eine soziale Isolation und Identitätskrise zu stürzen. Allein die Möglichkeit, man könnte Kim nicht eindeutig dem weiblichen Geschlecht zuordnen, schließt sie von den Wettkämpfen und dem Training aus. Kim, mit ihrer Identität ein Mensch zu sein wie alle anderen, als Verbot und Tabu?

Mir scheint, als bleibt Intersexualität die dritte Option – „Third Place“

Noch lange nicht sind wir an dem Punkt, an welchem Menschen, die womöglich von den gesellschaftlichen Vorstellungen abweichen, gleichwertig behandelt und Intersexualität als etwas Normales angesehen werden kann.

Vielleicht können Projekte wie „Third Place“ einige Menschen auf diese Problematik aufmerksam machen und somit nachhaltig die Vorstellung von Geschlechtern in unserer Gesellschaft überdacht werden.

Ich würde es mir wünschen. Kim und die 100.000 in Deutschland lebenden intersexuellen Menschen sicherlich auch.

 


Den Film wird es noch dieses Jahr zu sehen geben. Ich werde euch natürlich auf dem Laufenden halten. 

Fotos: © Friedrich Bungert

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Kommentare: 1
  • #1

    Aylex Bräcklein (Montag, 09 April 2018 22:59)

    Ganz toll geschrieben! Der Film möchte ich unbedingt sehen★★★★★